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Vom Versetzen & Brechen


Joachim Meyer Tafel F

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich sehr mit meinem Lieblingsthema, dem Versetzen. Doch was ist eigentlich mit Versetzen gemeint? Wozu brauche ich es? Wie ist es in die Fechttradition des deutschen Sprachraums eingebunden? In diesem Artikel möchte ich eine kleine Einleitung in das Thema geben, dass Inhalt einer ganzen Seminarreihe bei mir geworden ist.

Versetzen im fechterischen Sinne stammt aus dem Fachvokabular der deutschsprachigen Fechtlehren des 14.-16. Jahrhunderts. Es war im zeitgenössischen Wortgebrauch gleichbedeutend mit "zur Seite gehen", "zur Seite schieben", "nicht da sein", "hindernd besetzen od. umstellen", "bedrängen, versperren" .


1. Das Versetzen in den älteren Werken der Lichtenauertradition

Viele Werke die sich auf die Zedel des Johannes Lichtenauer berufen und diese zu erklären(glossieren) versuchen, sind an den erfahrenen, bereits ausgebildeten Fechter gerichtet. Oder wie es in den Vorreden oft selbst heißt an den "der da anders fechten kann". In diesen Werken[1], wird das Versetzen auf verschiedene Weisen in den Text integriert. Zum einen taucht es beiläufig in vielen Stücken auf und wird aus diesem Kontext als einfacher Begriff für die Verteidigung ersichtlich. "Das ist der text vnd die glos aber von ainer ler

wer nach get hawen der darff sich kunst wenig fräwen

| Glosa | das ist wenn du mit dem zu° vechtñ zu° im kumpst | So soltu nicht still sten | vnd auff sein häw sehen noch warten was er gegen dir vicht | wist das alle vechter dye do sehen | vnd warten auff eins anderñ häw | vnd wollen anders nicht thuen wenn vor setzen die bedürffen sich solicher kunst gar wenig fräwen | wenn sÿ ist vernicht | vnd werden do pey geslagen."[2]

"...vor setzt er mit sterck | vnd lest denn ort von dir aus gen auff dÿ seittñ | So gib im ein zeck rür auf den arm~..."[3]


In diesem Wer wird aus sprachlichen Besonderheiten auch gelegentlich "vor setzen" statt versetzen gesprochen. Wenngleich das "vorsetzen" auch in den Fechtlehren vorkommt und das Vorsetzen der Auslage meint, so ist dies hier nicht ersichtlich.


"...wenn er ee ku~pt mit dem haw | wenn du das im versetzen muest | So arbait Inndes mit dein° vorsatzung..."[4]


Schließlich taucht "das Versetzen" wieder in der Aufzählung der Stücke der Zedel auf. Zuerst heißt es "Alber vorsetzt". Dann, nachdem die Häue mit ihren Stücken aufgezählt wurden, beginnen die Stücke zuerst mit den 4 Huten und daran schließen sich direkt die "vier vorsetzen" an. Gemäß dem, was in den Texten bis zu diesem Punkt glossiert war, möchte man annehmen, dass in den Stücken zu den vier Versetzen auch 4 Varianten der Verteidigung aufgezeigt werden. Doch wie man später sehen wird, ist dies eben nicht der Fall. Ich werde später darauf zurückkommen.


Nach der Aufzählung der Stücke, beginnen die Stücke zu den verborgenen Häuen. Denn in der Lichtenauertradition werden explizit nicht jene Grundhäue gelehrt, die der erfahrene Fechter bereits kennt, sondern fünf verborgene Häue, die nicht jeder Meister kennt. Und im Rahmen dieser Stücke zu den Häuen, taucht auch mehrfach der Begriff Versetzen auf.


"...wirt er denn orts gewar | vnd vor setzt starck | vnd druckt dir dein swert auf die seittñ |..."[5]


Auch in diesem Beispiel wird wieder deutlich, das es beim Versetzen grundsätzlich um das "Versetzen" im Sinne von "Ableiten" oder "zur Seite schieben" der gegnerischen Klinge geht.

Das Versetzen taucht dann mehrfach in diesem Zusammenhang auf, bis schließlich die Stücke zum Krumphau kommen. Hier heißt es:

"...Merck der krump haw ist der vier vor setzen ains wider die vier hüten | wenn do mit pricht man die hüten | Die do haist der öchss | vnd auch der öber | vnd den vnder haw den treib also..."[6]


Während das Versetzen also grundlegend einen Verteidigungscharakter hat, indem Angriffe des Gegners abgewendet werden, sollen nun auch Häue zum "Versetzen" der Huten/Leger des Gegners angewendet werden. Dieses wird nun das "Brechen" der Huten genannt. Wie aber ist das im Gesamtkontext zu verstehen?

Nun, zuerst bleibt dabei zu bemerken, dass der Krumphau auch zum Versetzen von Ober- und Unterhau genutzt werden kann, was dem eigentlichen Sinn des Versetzens entspricht. Der Unterschied ist aber schon hier, das statt eines einfachen Versetzens (ableiten der gegnerischen Klinge mit der Stärke der eigenen Klinge) ein Hau mit einem eigenen Hau abgeleitet wird. Eine Bewegung, die weitaus mehr Übung und Können bedarf. Zusätzlich werden hier erstmals die einfachen Grundhäue Oberhau und Unterhau erwähnt, die nur selten auftauchen, da sich das Werk wie gesagt an den fortgeschrittenen Fechter richtet und diese keiner Erklärung mehr bedürfen.

Der andere Teil nun, der den Krumphau als ein Versetzen wieder die vier Huten darstellt, ist schwieriger in den Gesamtkontext zu bringen. Beschreibt dies doch einen Hau als Zufechtvariante, also Angriff und nicht als Verteidigung. Wie aber oben beschrieben, hat das Wort Versetzen mehrere Bedeutungen, wobei auch "hindernd besetzen od. umstellen", "bedrängen, versperren" dazu gehören. Diese Variante ist eher als eine "Tempoaktion" zu verstehen. Die Huten sind schließlich Ausholvarianten oder auch schlicht Vorbereitungsbewegungen für Angriffe. Der Krumphau soll also die Hut Ochs versetzen/brechen, indem er die Hände des Gegners angreift. Damit wird dem Gegner, der in den Ochs ausgeholt hat, um z.B. einen Stich oder Hau zu beginnen, seine Aktion zu Nichte gemacht, indem er auf einen Angriff in seine Vorbereitungsbewegung reagieren muss, da er ansonsten getroffen wird. Kurzum kann der Krumphau also sowohl zur Verteidigung, als auch zum "Vorkommen" also als Tempoaktion genutzt werden. Ein gleiches Modell finden wir auch bei Twerhau, Schielhau und Scheitelhau, wobei der Scheitelhau nur als Tempoaktion gegen den Alber beschrieben ist. Man Könnt hier das "Brechen" als eine Verfeinerung sehen, die gleichbedeutend mit der Tempoaktion ist. Ziel des Brechens ist es die gegnerische Vorbereitungsphase zunichte zu machen also zu "(unter)brechen".


Interessant wird es nun, wenn man die ältere HS GNM 3227a[7] als Referenzquelle heranzieht. Diese Quelle, die einem Lichtenauer nahe stehenden Schüler oder gar ihm selbst diente, behält einige Besonderheiten im Zusammenhang des Versetzens, die eine logische Struktur der Zedel, sowie einzigartige Sinnhaftigkeit bringen können. In der HS 3227a werden mehrfach Anmerkungen und Querverweise zu den Denkweisen Lichtenauers gemacht. In dieser Quelle gibt es zudem einen einzigartigen Vers, der in keiner späteren Quelle auftaucht:

"...Alber io bricht / was man hewt ader sticht / Mit hengen streiche / nochreizen setze gleiche Dy dritte hute / alber / ist das vnderhenge~ / mit der mã alle hewe~ vnd stiche / bricht / wer dy recht füret /..."[8]


"...Alber versetzt...". Dies ist in jeder Aufzählung der Stücke der Lichtenauerlehre dabei und soll die Stücke der vier Leger umschreiben. Doch nirgends wird der Alber als Bruch beschrieben außer in oben genannter Passage der GNM HS 3227a. Zum einen ist dies ein besonderes Merkmal im Rahmen meiner Forschungen um die GNM HS 3227a. Aber in diesem Artikel hier ist es hilfreich, um das Verständnis von Versetzen und Bruch zu verdeutlichen. Das "Brechen" ist also Teil des Versetzens, wie auch aus der einzigen Erklärung des "Versetzens" innerhalb der älteren Lichtenauerquellen deutlich wird.

"...Hie merke / das vier vorsetczen sint / czu beiden / seiten / czu itlich° seiten / eyn obers / vnd eyns venders / vnd dy letcze~ ader brechñ / alle[gestrichener unleserlicher Buchstabe] hute~ ader leger / vnd wy du von obñ / ader von vnde~ / eyme / hewe stiche ader snete / mit deyme sw°te abeleitest / ader abweisest / das mag wol heissen vorsetcze~ /..."[9]

Interessanterweise kommt dies nun direkt nach der Erklärung des Albers als Bruch gegen alle Häue und Stiche. Die vier Versetzen sind die zwei Grundbewegungen Oberhau und Unterhau sowohl rechts als Links. Und eine mögliche Endbewegung der Oberhäue ist stets der Alber. Damit bricht der Alber(Als Endpostion) alles im Zusammenhang mit Oberhau. Dies detailliert zu erklären ist, wie Fechtlehrer seit Jahrhunderten zu sagen pflegen, nicht mit Text allein möglich, sondern kann auch ich nur praktisch zeigen. Details zur Ausführung der Technik sollten also eher in der Praxis gezeigt werden. Ein weiteres Detail ist nun aber auch, das das Versetzen hier intensiv behandelt wird aber die verborgenen Häue eben nicht explizit als Versatz erwähnt werden. Es wird aber in zwei Varianten des Versetzen unterschieden. Zum einen wird gesagt, dass es vier Versetzen gibt, welche alle Huten (ver)letzen oder brechen. Zusätzlich wird aber darauf hingewiesen, dass der Begriff Versetzen aber auch ("wol") das abweisen von Häuen, Stichen oder Schnitten meint. Die verborgenen Häue werden nicht erwähnt. Während also in späteren Werken die vier versetzen stets mit Krumphau, Twerhau, Schielhau und Scheitelhau in Verbindung gebracht werden, so wird dies hier nicht erwähnt. Das Brechen der Huten mit den vier genannten verborgenen Häuen wird ledilgich bei den Stücken der Häue selbst erwähnt. Es wird aber grundlegend zwischen Brüchen und Versetzen unterschieden. Der Verfasser der 3227a weist also auf diese Besonderheit hin, das mit Versetzen sowohl die Verteidigung, als auch das Brechen der Huten gemeint sein kann. Insgesamt wirkt das Konzept der GNM HS 3227a sehr logisch, wenngleich die Huten hier komplett anders beschrieben werden, so sind sie doch in ihren hier beschriebenen Variante logischer in den Kontext gebracht, wenn man das Versetzen als einen Indikator für ihre Funktion sieht. Eine weitere Besonderheit zum Versetzen finden wir in den "Amring-Handschriften", in welchen als einziges das untere Hängen beschrieben wird. Dieses wird aus dem unteren Absetzen gemacht. Und das untere Absetzen gleicht letztlich dem Alber. Aus dem Alber als Endposition einer Verteidigung, wird also das untere Hängen eingeleitet.


Nehmen wir weiterhin die Amring-Handschriften dazu, dann fällt auf, dass die Beschreibung bezüglich des Krumphaus als Versetzen der Hut aus dem Cod. 44 A 8 fehlt. Bei Amring heißt es einfach und doch verständlich:


"...Daß ist wie du krump solt haw°en zu° den henden vñ daß stuck trÿb also wenn er dir von deine~ recht~ sÿtten mitt aine~ obern ode~ vndern haw~ zu° der blöss haw~et So..."[10]

Dort wird lediglich im letzten Nebensatz erwähnt, dass man dieses Stück auch gegen die Hut Ochs anwenden kann. In den späteren Texten ist es genau anders herum. Dort wird das Brechen der Hut detaillierter beschrieben und lediglich erwähnt, dass man den Krumphau auch gegen Häue benutzen kann. Es folgt bei Amring ein Stück, das beschreibt, wie man die Oberhäue absetzen (Variante des Versetzens) soll.


"...Aber ain stuck vß dem krumphaw°

Krump wer wol seczet mitt schrÿtten er vil hew~ leczet ~:

Glosa Daß ist wie du mitt dem krump haw° die obern häw abseczen solt daß stuck trÿb also...".[11]


Auch im Twerhau ist bei "Amring" das Versetzen der Häue beschrieben. Das Stück eins zum Twerhau aus dem 44 A 8 und dem Codex Lew fehlt gänzlich. Der Schielhau ist ebenfalls nicht gegen den Pflug erwähnt, sondern als Verteidigung gegen Oberhäue und den Langort. Der Schielhau ist gar als eine Art Sturzhau beschrieben. In diesem Gesamtkontext ergibt sich mir das Bild, dass lediglich die "Amring-Handschriften" nah an der GNM HS 3227a und ihrer didaktischen und taktischen Struktur sind, die folgende einfache Einteilung vorsieht.


Versetzen bedeutet grundsätzlich gegnerische Angriffe abzuweisen bzw. sich zu verteidigen. Die einfachste Variante ist das Ableiten der gegnerischen Klinge durch weg drücken mit der eignen Stärke, wie in den allgemeinen Teilen der Hs 3227a angeführt. Weiterhin sind "die vier Versetzen" die Möglichkeit gegnerische Häue mit eigenen einfachen Häuen abzuwenden nämlich Oberhau und Unterhau jeweils links und rechts, was in Summe 4 Varianten macht. Zusätzlich gibt es auch die Möglichkeit mit den verborgenen Häuen zu versetzen (Zornhau, Krumphau, Twerhau, Schilhau, Scheitelhau). Und als letztes gibt es noch die Möglichkeit die gegnerischen Aktionen, bei denen Huten stets den Beginn der Aktion darstellen, mit Häuen und besonders mit den verborgenen Häuen zu brechen, wobei lediglich die vier verborgenen Häue Krumphau, Twerhau, Schilhau und Scheitelhau gemeint sind.


Auch dieses Zitat zum Versetzen kommt nur in der HS GNM3227a vor.

"...wer wol vorsetczit / der vechte vil hewe letczit / wen yn dy hengen / ku~pstu mt vorsetcze~ behe~de..."[12]


Zusätzlich zeigt uns ein Vergleich der älteren Lehren aus 3227a und Amring, dass diese Lehren auf einem defensiveren Fechtstil verweisen als 44A8 und Lew. Erstere beschreiben die 4 Versetzen als Aktionen im Nach, um Angriffe des Gegners zu versetzen. Letztere nutzen die Verborgenen Häue, um aggressiv mit Gegenangriffen oder Tempoangriffen dem Gegner zuvor zu kommen. Wir sehen also bereits hier in der frühen Lichtenauertradition individuelle taktische Auslegungen und Fechtstile, was für das Fechten bis heute aber normal ist. Oder wie Joachim Meyer zu sagen pflegte, dass sich das Fechten ganz nach den Eigenschaften eines jeden Fechters richtet.


Das beste Beispiel zum verdeutlichen dieser These ist das jeweils erste Stück zum Twerhau.

Bei Amring wird im ersten Stück zum Terhau der Twerhau als Verteidigung gegen einen Oberhau beschrieben, während das erste Stück bei Danzig und Lew ein Bruch in die Ausholbewegung des Oberhaues ist, also eine Tempoaktion bzw. ein Gegenangriff, um dem Hau des Gegner zuvorzukommen. Beide Fechtlehrer legen ihre Schwerpunkte also komplett anders. Während Amring die Verteidigung wichtiger scheint, möchten die späteren Lehrer eine weitaus schwierigere und gefährlichere Aktion in den Mittelpunkt setzen.


Versetzen bezeichnet also hauptsächlich die Verteidigung gegen gegnerische Angriffe mit verschiedenen Mitteln. Von der Körperparade über die Basisversetzen, das Versetzen mit Grundhäuen bis zum Versetzen mit den verborgenen Häuen und dem Bruch gegnerischer Aktionen im Sinne von zu Nichte machen. Jede dieser Formen des Versetzens hat ihre Besonderheiten, Vorteile und Nachteile. Das Versetzen mit den Verborgenen Häuen ist dabei das Ende eines Lernweges, der bei den grundlegenden Versetzen beginnen sollte. Zusätzlich zum strategischen Element des Versetzens, gibt es also auch das strategische Element des Bruchs, welches zum Ziel hat gegnerische Aktionen im Beginn durch Gegenangriffe zu nicht zu machen, also zu "brechen". Irgendwo zwischen 3227a, Amring und den späteren Werken nach 44A8 und Lew scheint es demnach eine Verlagerung des Schwerpunktes gegeben zu haben, der sich in der Auslegung und Reihenfolge der Stücke zu zeigen scheint. In jedem Fall ist die Grundstruktur der Fechtlehre in 3227a und Amring mit Bezug zum Versetzen und Brechen klarer und verständlicher.



2. Versetzen und Brüche bei Joachim Meyer

Erst Joachim Meyer vermittelt uns wieder eine weitaus klarere Struktur in der deutschen Fechtfachsprache von den Grundlagen bis zur Meisterschaft, wie es vor ihm kein anderer veröffentlichte und auch lange niemand machen sollte. Zudem zeigt sich bei Meyer ein direkter Bezug zu den Lehren der HS 3227a, wie er in keinem der Werke der Zwischenzeit erfolgt.

Joachim Meyer erklärt das Fechten in einer einzigartig klaren und durchsichtigen Struktur und in einer Gesamtheit der Waffenformen, die seines Gleichen nicht findet. Doch nur wer sein ganzes Werk gelesen und verstanden hat, kann auch seinen universalen waffenübergreifenden Ansatz verstehen. Das Thema Versetzen wird bei ihm so umfänglich, strukturiert und logisch erläutert, dass nur Meyer es schafft dieses Thema für uns gänzlich greifbar zu machen. Verteilt auf Dussack, Langes Schwert und Rapier, wird die logische Lehrstruktur des Versetzens von Häuen und Stichen ebenso deutlich, wie die Bedeutung von "Brüchen". Meyer erklärt die Grundlagen des Einfachen Versetzens(Abwenden), wie sie in der HS 3227a stehen. Allerdings macht er dies viel detaillierter, sodass es für den Schüler, an den er sich ja auch richtet, leicht zu lernen ist. Nach und Nach zeigt er vom Einfachen zum Schweren die Formen des Versetzens auf, die man gänzlich versteht, wenn man den Ratschlägen aus seinem Vorwort folgt. Und wenn man mindestens bis zum Rapier gelernt hat.


Um nur ein Beispiel von vielen aufzuzeigen:


HS3227a (Übersetzung des Verfassers): "... Und wie du von oben oder unten einem Häue, Stiche oder Schnitte mit deinem Schwert ableites oder abweist, das mag wohl heißen Versetzen. [...] Auch soll ein guter Fechter wohl lernen einem an das Schwert zu kommen. Und das kann er gut mit den Versetzen tun. Denn die kommen aus den vier Häeuen. Von jeder Seite ein Oberhau und ein Unterhau. ..." [13]


Meyer (Übersetzung Kiermayer):

"Der Versatzungen gibt es vornehmlich zwei, nämlich eine von oben und die andere von unten. Aus der ersten, welche aus dem Oberhau kommt [...] Die andere Versatzung kommt aus dem Unterhau [...] Die Versatzungen werden beide auf zweierlei Arten vollbracht [...]." [14]



Na gut einen zweiten Vergleich gebe ich noch hinzu:


HS3227a (Übersetzung des Verfassers):

"Wenn du auf diese Weise einem versetzt oder einen Hau oder Stich abwendest, so sollst du schnell zu treten und am Schwert nachfolgen, sodass dir jener nicht abziehe. Und du sollst dann machen, was du möchtest. Auch sollst du wohl wenden und allemal deinen Ort gegen des gegners Brust kehren. So muss er sich besorgen." [15]


Meyer (Übersetzung Kiermayer): "Diese Versatzungen enden beide im Langen Ort. Haut nämlich einer von unten oder quer auf dich, dann fall ihm darauf mit der geraden Versatzung und wende, sobald die Wehren zusammen rühren, deinen Ort mit einem Austritt in sein Gesicht." [16]

Die gleiche didaktische und technische Struktur ist kaum von der Hand zu weisen. So starke fechttheoretische Gemeinsamkeiten zur HS3227a finden sich nur bei Meyer.


Auch zum Thema Brüche äußert sich Meyer oft und detailliert. Und wer seinem Ratschlag folgt, zuerst den Dussack zu lernen, wird dies schnell verstehen. Die Zusammenfassung seiner Beschreibungen ist diese. Brüche heißt für ihn Jemanden ein Stück kaputt zu machen, indem man ihm in dieses "einbricht", was durch eine Tempoaktion, meist Stiche, geschieht. Er verweist aber auch auf Gegner, die sich in einem Lager vor einem "auslegen" können. Dazu ist es nötig die entsprechenden "Brüche" für die jeweiligen Lager zu kennen und zu beherrschen. Auch die Leger kann man z.B. mit Stichen brechen. Die Brüche zu den Lagern folgen dann schließlich in den Stücken zu den jeweiligen Legern.


Grundsätzlich ist die Idee der begriffe Bruch und Versetzen innerhalb der deutschsprachigen Fechtfachsprache des 14.-16. Jahrhunderts also identisch. Wir haben allerdings nur zwei Werke, die uns dies näher bringen. Wobei kurioser Weise ein Bogen vom ältesten Werk in deutscher Sprache überhaupt (HS3227a) aus dem 14. Jahrhundert zum ersten Lehrbuch dieser Lehrkultur im ausgehenden 16. Jahrhundert gespannt wird. Ein Bogen also vom Beginn der deutschsprachigen Fechttradition bis zum Ende.


Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich im "westlichen" Fechten eine relativ einheitliche waffenunabhängige Fechtfachsprache national und international gefunden, welche das Fechten in technische und strategische Elemente aufteilt, sodass sich die Fechter innerhalb der FIE auch international mit Fachsprache unterhalten können. Auch die historischen Fechtelemente lassen sich in diese Schemata bringen, was dem Fechter in seiner Ausbildung ein großer Vorteil sein kann, wenn sein Lehrer dies anzuwenden weiß.


Aus diesem Grund habe ich vor vielen Jahren die Struktur des/der Versetzen erarbeitet und mit vielen Werken verglichen, um die Essenz der deutschsprachigen Fechtlehren im Bezug auf das Versetzen zu verstehen und zielführend zu unterrichten. Nach vielen erfolgreichen Kursen an meiner Schule und Seminaren zum Thema habe ich daher wieder eine Seminarreihe zum Thema Versetzen gestartet. Wenn ihr Interesse an diesem wichtigen Thema habt, an der Seminarreihe teilnehmen wollt oder gern ein Seminar bei euch wünscht, dann meldet euch gern bei mir.


Vielen Dank für´s Lesen! ;-)

Mehr zum Thema Versetzen findet ihr in meinen Seminaren zum Thema.




[1] Vergleiche z.B. Mss. var. 82 fol. 6r, Mscr. Dresd. C 487 fol. 10v.f, Cod. 44 A 8 fol. 9v.

[2] Cod. 44 A 8, Rom, fol. 10v. .

[3] Ebenda fol. 11r. .

[4] Ebenda fol. 12r. .

[5] Ebenda fol. 13v. .

[6] Ebenda fol. 17r. .

[7] Germanisches Nationamuseum (GNM), HS 3227a. Die wohl älteste Handschrift der Lichtenauertradition.

[8] GNM HS3227a fol. 32r. .

[9] Ebenda fol. 32 v..

[10] Sächsische Landesbibliothek Dresden, Mscr. Dresd. C 487, fol. 24v..

[11] Ebenda fol. 25r. .

[12] GNM HS 3227a fol. 32v. .

[13] Ebenda.

[14] Kiermayer, Joachim Meyer, S. 174f. .

[15] GNM HS 3227a fol. 32v. .

[16] Kiermayer, Joachim Meyer, S.175.

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