Häue in die Luft sind "heiße Luft"?

Schon Joachim Meyer betont in seinem gedruckten Werk mehrfach und nahezu penetrant, das das Üben der korrekten Ausführung der Häue und Stiche die absolute Grundlage der Fechtkunst ist und täglicher Übung bedarf. Aber was heißt tägliche Übung? Sollen wir täglich mit Hauformen versuchen die Luft zu durchschneiden? Ist das wirklich effizient?

Luftboxen & Schattenboxen allein macht doch auch keinen guten Boxer? Das ist immer auch aus der eigenen Zielstellung heraus zu sehen, wozu man seinen Sport betreibt. Will man einfach nur Bewegung, Netzwerken oder etwas mit Freunden machen, dann kann Formentraining vollkommen ausreichend sein. Will man aber für den Wettkampf oder simulierten Ernstkampf trainieren, dann müssen evtl. andere Übungen her. Wozu also Formentraining und wozu andere Übungsvarianten.



Formentraining

Gemeint ist damit in diesem Artikel das Üben von Bewegungen, ohne dabei Kontakt mit dem Gegner, einer Klinge oder anderen Gegenständen zu haben, kurzum in die Luft fechten. Welches Ziel und welchen Nutzen haben solche Übungen? Gerade zum Beginn des Bewegungslernens ist das Formentraining sehr effizient. Um eine Bewegung möglichst gut wahrzunehmen, sollte man sich Zeit nehmen und dem Körper so wenig zusätzliche Reize wie möglich geben, damit er die Koordination der Bewegung über die Nerven bestmöglich verbessern kann. Auch Beinarbeit ist z.B. ein solcher Störfaktor(unnötiger Reiz). Die Koordination von Oberkörper und Unterkörper ist einer der schwierigsten und herausforderndsten Lernschritte im Bewegungslernen und bedarf einer guten didaktischen Vorbereitung. Der Mythos vom "Muskelgedächtnis" ist hier eine schöne Metapher, die uns aber nicht den tatsächlichen Ablauf im Nervensystem wiedergibt. Tatsächlich muss unser Gehirn für jede Koordination einer Bewegung die entsprechenden Sehnen und Muskeln über die Nerven ansprechen. Es muss also eine Verbindung geschaffen werden. Stellt euch vereinfacht eine Datenleitung zwischen Muskel und Gehirn vor. Je nachdem, welche Vorerfahrungen beim Fechter/Schüler bestehen, ist die vorhandene Verbindung schlecht (56k) oder gut (50Mbit). Um die Bewegung zu verbessern, müssen wir diese Verbindung verstärken. Das machen wir durch regelmäßige und intensive Nutzung. Intensiv heißt aber nicht im Sinne des Trainingsbereichs Kondition(Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit), sondern vielmehr im Sinne der intensiven Wahrnehmung zur besseren Koordination. Und je langsamer ich eine Bewegung übe, umso intensiver nehme ich sie wahr und kann die Nervenverbindungen stärken. Unser Körper verstärkt diese Nervenverbindungen tatsächlich, wodurch die Informationen schneller fließen und die intramuskuläre Koordination besser wird. Langsames Formentraining verbessert also die Bewegung und ist gerade zum Beginn des Bewegungslernens sehr wichtig. Denn wurde die Bewegung nicht korrekt geübt, wurden falsche Verbindungen gestärkt. Eine solche Nervenverbindung "abzutrainieren" ist aber kaum möglich. Man kann nur neue Verbindungen schaffen, die dann stärker ausgebaut werden müssen. Und das ist für manche Trainer und Schüler in verschiedenen Sportarten sehr schwer.

Die grundlegenden Hauformen, die es über die gesamte Fechtgeschichte von Meyer bis heute gibt, haben also einen großen Nutzen, den man nie unterschätzen sollte. Auch fortgeschrittene Fechter sollten aus meiner Sicht regelmäßig ihre Formen üben, um sich weiter zu verbessern und die "Datenverbindung auszubauen"! Gerade für die deutschsprachige Fechttradition des 14.-16. Jahrhunderts hat uns Joachim Meyer einen gewaltigen Fundus an Hauübungen hinterlassen, die laut ihm mit jeder zeitgenössischen Klingenwaffe gemacht werden sollen. Formentraining ist also weit mehr als heiße Luft, es ist eine der wichtigsten Lernmöglichkeiten für Fechter eines jeden Erfahrungslevels.



Beispiel für das Training von Hauformen nach Joachim Meyer um 1570




Wer das Treffen nicht übt, trifft auch nicht!


Stich mit Ausfall

Ein wichtiger Punkt. Ein Kämpfer sollte stets lernen richtig zu treffen. Aber auch dies sollte in die didaktisch Lernstruktur eingepasst werden. Es gibt natürlich Methoden der Lektion, also dem Einzelcoaching zwischen EINEM Schüler und dem Lehrer, die es ermöglichen auch mit Einsteigern direkt am Ziel (dem Lehrer) zu arbeiten. Ich selbst mache dies in Privatunterrichten und es ist auch zum Beginn der Ausbildung sehr zielführend. Viele lernen aber in Kursen mit nur einem erfahrenen Lehrer oder gar allein. Dann sollte dringend(!) darauf geachtet werden, dass zuerst jeder Schüler seine Bewegung ohne Widerstände, ohne Störfaktoren erlernt und ständig zielführende Erfolgskontrollen durchgeführt werden. Sobald die Bewegungskoordination erfolgreich ist, sollte zusätzlich zum Formentraining ein trefferorientiertes Training stattfinden. Für Einsteiger nutze ich dazu meine Schaumstoffschwerter, da diese günstig sind und die Schüler zu Beginn ihrer Ausbildung so noch keine hohen Kosten In die teure Ausrüstung stecken müssen. Mit diesen können Partnerübungen gestaltet werden, bei denen der Angreifer lernt seine Häue auch zu treffen. Hier wird wiederum Koordination im Sinne realer Rahmenbedingungen geschult. Vor allem dient es der Verbesserung der Präzision im Treffen. Elemente wie Timing, Rhythmusgefühl und Momentgefühl werden wiederum durch waffenlose Übungen vorbereitet und dann auf die Waffe übertragen. Weitere Übungsformen sind Häue und Stiche auf Fechtpuppen, Dummies oder ähnliche "Treffvorrichtungen". Solche Vorrichtungen sind z.B. in Form von "Haupfählen" seit der Antike bekannt. Neben der Präzision können hier ohne den Partner zu verletzen auch zu Beginn der Ausbildung Ziele der Traingslehre bzw. des sportlichen Trainings im konditionellen Bereich (Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit) trainiert werden. Denn ist die Koordination gut, dann geht es meist darum, schneller, beweglicher oder ausdauernder zu werden. Kraft spielt bei scharfen Klingen im Vergleich zu manch anderen Künsten/Sportarten eher eine untergeordnete Rolle. Aber auch zum Schwertfechten gehört natürlich im Bereich der fechterischen Grundfitness eine gewisse notwendige Kräftigung, das ist ganz klar. Eine Pfahl zu zerschlagen oder Gummireifen stundenlang mit maximaler Kraft und Geschwindigkeit zu bearbeiten sind dabei aber keine zielführenden Tätigkeiten. Es sei denn natürlich, man betreibt Fechten eben aus Gründen der Fitness bzw. des Bodybuildings. Dann sind andere Trainingsziele- und Methoden zu beachten.

Wer also vor hat, das Fechten trefferorientiert zu betreiben, sollte, sobald sein Lehrer im bestätigt, das seine Häue gut ausgeführt werden, zusätzlich auch mit trefferorientierten Übungen starten.











Zusammengefasst

Es gibt auch hier also keine Doktrine. Der gesunde und zielorientierte Mix macht es. Es ist eben wie immer in der Didakik, zuerst muss das Ziel klar sein, dann kann man die Methoden und andere Rahmenfaktoren bedenken. Man dies das "Primat der Didaktik". Die didaktischen Fragen haben immer Vorrang vor den methodischen Fragen!


Und aktuell ist das Beste daran, das ihr auch während Corona isoliert zu Hause so viel machen könnt. Arbeitet an eurer Bewegungskoordination und baut euch auch Ziele, um eure Häue und Stiche zu verbessern.


Wenn ihr also überlegt, ob ihr eure Zeit lieber in Formen oder am Dummy investiert, bekommt ihr die übliche englische Antwort:

"IT DEPENDS...".





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