Krieger und Warrior - Von Werten, Normen und Realität

Aktualisiert: 30. Juli 2019


"Ich möchte historisches Fechten lernen aber diesen ganzen Quatsch mit den ritterlichen Tugenden und diesen Ritualen, wie bei asiatischen Kampfkünsten, den lasst ihr ja zum Glück weg?!"

"Wo muss ich denn nun hinhauen, um meinen Gegner schnellstmöglich zu töten?"

"Wenn ich ihn dort treffe, dann blutet er also am schnellsten aus!?"

"Ich bin ein Krieger."

So oder ähnlich habe ich in den letzten Jahren schon mehrfach Leute argumentieren sehen, die sich dem "Historischen Fechten" nähern wollten. Diese und einige weitere Beobachtungen, wie etwa der Umgang mit tödlichen Techniken, die Freude an der möglichen, tödlichen Effizienz der eigenen Fechttechniken, sowie das Interesse an effizienten Wunden im Fechten, um seinen Gegner schnellstmöglich zu töten, lassen mich in letzter Zeit sehr nachdenklich werden. Gerade wenn man selbst aus jenem Berufsfeld kommt, bei welchen man sich mit diesen Themen stets beschäftigen muss, weil sie als schlimmste aller Folgen geschehen können, fällt es mir oft schwer zu verstehen, warum man seinen Zornhau im Training so hauen und treffen möchte, dass man seinen Gegner im Ernstkampf möglichst schnell töten könne. Dabei geht es auch oft um den Kontext dieser Fragen, also in welcher Weise und zu welchen Zeitpunkt so etwas vorgetragen wird. Darüber hinaus zeigt sich dieses Phänomen auch darin, dass es Fechter gibt, welche nicht von Siegern sprechen, sondern Toten und Verwundeten. Für mich ist das eine sehr markabere Entwicklung, die sich vielleicht aus der fehlenden Einbindung von Werten und Normen in die Fechtausbildung erklären lässt?

Als beruflicher Kämpfer ist man mit dem Thema sehr gut vertraut und setzt sich regelmäßig mit Tot und Verwundung auseinander. Ebenso mit der Frage von effizienter Kampfführung. Allerdings ist dieses handeln stets in einen rechtlichen Rahmen eingebunden, an einer ethisch-moralischen Werteordnung Orientiert über welche Staat, Vorgesetzte, Juristen, das Parlament und die Gesellschaft wachen. Eine Intensive Ausbildung in Rechte, Gesetz, Werten und Normen ist dabei absolute Grundlage, ebenso wie psychologische Aufarbeitungen.

Diese "Erziehung", wie sie heute beim Militär üblich ist, ist aber keine Neuerfindung des 21. Jahrhunderts, wenngleich sie in Deutschland seit den 50er Jahren die Innere Führung und andere Neuerungen eine neue und bedeutende Aufwertung bekam. Doch ist es eher eine Notwendigkeit und lange Tradition, dass Menschen die sich mit Kampf auseinandersetzen stets mit besonderen Regeln und besonderem Augenmerk auf ein sozial anerkanntes Wertesystem erzogen wurden. Auch in Europa finden wir diese Werteorientierung im Rittertum des Mittelalters und seinem Übergang zum Offizierswesen im 15./16. Jahrhundert, die stets auch auf das Bürgertum ausstrahlte und somit in der ganzen Gesellschaft präsent war. Die ritterlichen Tugenden, die sich aus kämpferischen, kriegerischen, sozialen/ höfischen, rechtlichen und religiösen Komponenten zusammensetzten, waren es erst, die das Idealbild/Vorbild für den Abendländischen Ritter bildeten, der stets eine Mischung aus blutigem Krieger und sozialem Vorbild war. Inwiefern diese Bilder erreicht wurden, ist natürlich eine andere Seite der Medaille. Die sich dabei herausbildenden Tugenden habe sich bis heute erhalten. Gesellschaftliche und religiöse Werte und Normen sind in unser Rechtssystem eingeflossen, wobei natürlich das Grundgesetz als Grundlage zu nennen ist. Aber auch im Soldatengesetz, dem Traditionserlass der Bundeswehr und vielen mehr Gesetzen, Regelungen etc. finden sich diese alten Tugenden wieder, die stets dazu dienten und dienen Konflikte und schließlich auch den Rahmen für Kampf und die Anwendung von Gewalt zu reglementieren. Aber auch um jenen, der Krieg und Kampf wirklich erlebt hat zu helfen, seine Seele und Menschlichkeit zu behalten.

Aus diesem Grund erachte ich es nicht als Last sondern als unerlässlich, dass in der Fecht-Ausbildung sehr viel Wert auf eine charakterliche Bildung und Erziehung gelegt wird, welche Werte, Normen, Rechte und Pflichten mit einbezieht. Die Auseinandersetzung mit den ritterlichen Tugenden, die wir sie ja auch in den Fechtbüchen finden, über die Epochen hinweg kann dabei ein großer Mehrwert sein, der ein Verständnis schaffen kann.

Schließlich darf man nicht vergessen, das Fechter heute weder "Kämpfer" noch "Krieger" sind. Wir sind Sportkämpfer, Sportler, Fechtsportler etc.. Aber wenn wir Fechtkunst oder Fechtsport betreiben, dann darf dies nie über den sportlichen oder den Charakter der Selbstverteidigung hinaus gehen. Dies steht klar im Gegensatz zum Krieger oder Kämpfer, dessen Beruf es ist Gewalt rechtlich legitimiert notfalls auch in höchstem Maß anzuwenden. Wenngleich dies eine tatsächliche Notwendigkeit sein kann, so ist jeder tatsächliche Krieger froh, wenn es nicht dazu kommt. Denn ihm sind dabei auch alle Konsequenzen bewusst und verinnerlicht, die mit einem ernsten Kampf oder Krieg verbunden sind. Denn nicht umsonst steckt in den Worten Krieger oder Warrior eben Krieg und War drin. Und die Ausbildung dazu muss unter staatlicher, rechtlicher, juristischer, psychologischen und fachlicher Kontrolle stehen.

Hier einige Beispiele aus dem spätmittelalterlichen "Katalog" von ritterlichen Tugenden.


Bezugnehmend zu den eingangs beschriebenen Situationen, die ich erlebt habe, glaube ich nicht, dass die Menschen, die solche Aussagen getroffen haben, tatsächlich einen fehlgeleiteten Werte-Kompass haben. Allerdings glaube ich, dass in weiten Teilen das Thema Gewalt und deren Realität kaum noch greifbar ist, was schließlich dazu führt, dass Leute unbewusst Aussagen treffen, die für sie erst bei näherer Betrachtung ethisch-moralisch greifbar werden. Für mich was es erschreckend zu sehen, wie gern und freudig sich Menschen mit der zielführenden Verwundung des Gegners beschäftigt haben. Bei Militär und Polizei habe ich so was nie erlebt.

Daher kann ich mir vorstellen, dass ein erzieherisches einwirken sowie eine stärkere Kontextualisierung von Kampf und Gewalt im Unterricht und die Schaffung von mehr Sensibilität helfen können, mögliche Dissverhältnisse im Bereich Gewalt zu beseitigen.

Wie ich bereits auf den Trainertagen 2016 in Hamburg sagte, halte ich diese Auseinandersetzung, Reflexion und Kontextualisierung für dringen notwendig.

Ich erarbeite daher für IN MOTU auch Ausbildungsziele im affektivem Bereich, um diese Erziehung zu fördern. Gerade, wer zukünftig mit Kindern und jugendlichen Arbeiten möchte, darf diese große Verantwortung als Fechtlehrer nicht vergessen.

"Die Beschäftigung mit Kampf ist stets mit Werten und Normen verbunden. Ein Kampf findet stets zwischen zwei oder mehr Personen statt, wodurch es automatisch zu komplexen sozialen Beziehungen kommt. Seit Menschen Kämpfen, geben sie sich Regeln für den Kampf und für das Verhalten bei Konfliktsituationen. Legitimierte Kämpfer hatten dabei stets einen Katalog an Tugenden, der sich spätestens seit dem Mittelalter klar herausstellte und beim Militär auch heute noch in den soldatischen Tugenden zu finden ist. Kampf bzw. Fechten bei IN MOTU besteht aus Sportkampf, Kampfkunst oder Übungen zur Selbstverteidigung. Diese Übungen werden von Menschen aus verschiedensten Gründen betrieben, wie etwa Fitness/Gesundheit, Abschalten vom Alltag, Stressresilienz aufbauen, Ausgleich zur Arbeit, Wettkampfgedanken, soziale Beziehungen pflegen oder eben auch um sich auf Ernstsituationen vorzubereiten. In keiner Weise werden Techniken unter der Zielstellung vermittelt, seinen Gegner zu töten oder schwer zu verletzen. In der Selbstverteidigung muss im Vordergrund der Eigenschutz und die schnellstmögliche Beendigung des Kampfes mit verhältnismäßigen Mitteln sein, sodass der Gegner den geringsmöglichen Schaden von sich trägt. Kampf stellt also stets eine gewaltvolle Auseinandersetzung auf körperlicher und geistiger Ebene dar, die den Normen und Werten der sozialen Gruppe unterworfen ist. Diese soziale Gruppe, an der wir uns orientieren, ist unsere Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland, der Europäischen Union und der Weltgemeinschaft. Der kleinste gemeinsame Nenner muss hierbei das in unserem Land und der EU geltende Rechte und Gesetz sein und darüber hinaus auch die mehrheitlichen gesellschaftlichen Umgangsformen. Gerade weil der Kampf ein Extrem darstellt, welches im schlimmsten Fall die Ausübung von Gewalt auf einen anderen Menschen beinhalten kann, müssen sich Ausübende von Kampftechniken stets ihrer besonderen Verantwortung bewusst sein und zu einem werte orientierten Handeln erzogen werden. Erst wenn Erziehungsziele in die Kampfkunstausbildung eingebunden werden, kann Kampfkunst/Kampfsport vollständig sein. Denn Ziel einer Kampfausbildung bei IN MOTU ist es nicht einen Gegner schwer zu verletzen, sondern zu lernen sein eigenes Gewaltpotential zu kennen und beherrschen zu lernen, sodass man jederzeit in der Lage ist eine richtige Entscheidung über deren rechtmäßige und verhältnismäßige Anwendung oder Unterlassung zu treffen. Die Körperliche Beherrschung ist demnach die Grundlage, um seinen eignen Geist für Entscheidungen frei zu haben. Das gibt einem guten Kämpfer den Vorsprung, den er braucht um einen möglichen Kampf gar nicht erst kämpfen zu müssen oder seinem Gegner geistig voraus zu sein. Kampfausbildung ist demnach stets Erziehung und charakterliche Bildung."

Hier noch Tugenden aus der aktuellen Fassung des Traditionserlasses der Bundeswehr.

"Historische Beispiele für zeitlos gültige soldatische Tugenden, etwa Tapferkeit, Ritterlichkeit, Anstand,Treue, Bescheidenheit, Kameradschaft, Wahrhaftigkeit, Entschlussfreude und gewissenhafte Pflichterfüllung," ( DIE TRADITION DER BUNDESWEHRRICHTLINIEN ZUM TRADITIONSVERSTÄNDNISUND ZUR TRADITIONSPFLEGE S.5)

Hier noch ein paar Auszüge aus Fechtbüchern, die Werte, Normen und mentale Einstellung beschreiben oder nennen.

" Jung man nu lern Gott liebhaben und Frauen ehren, rede Frauen wohl und bist männlich, wo mann soll. Hüte dich vor Lügen und vor schämlichen Krügen [Kriegen?]. Setze deine Sinne auf ehrliche Sachen und gedencke nach Ritterschaft. "

(Hans Talhoffer 15. Jahrhundert, Hs. XIX, 17–3 im gräflichen Schloß Königseggwald fol. 2)

" Nun habe eines Mannes Mut, gegen jeden, der dir Unrecht tut. Willst Du bei Ehren bleiben, so sollst du die Wahrheit üben. Hüte dich vor den Bösen, die keine Treue halten können. Hast du dies verstanden, so geselle dich zu den Guten [Frommen]. Wenn man dir einen Rat geben will, so überdenke diesen gut. Dann kannst du erkennen, ob er dir nützt oder schadet.Traue nicht jedermann. Steh fest wie ein Bär und gleite nicht hin und her [sei aufrichtig und nicht wankelmütig].Das merke dir und verwende deine ganze Kraft im rechten Maße."

(Hans Talhoffer 15. Jahrhundert, ebenda)

" Auch mit ungestüm kein Wehr zerschlagen / mit sitten ewr arbeit vortragt. Solt auch durch aus keins anderen spotten / In der Übung / es ist verboten. Auch solt ihr keinen blutig schlan / Der erst zu fechten fehet an. " (Christoff Rösener, 16. Jh., BSB München, Res/Gymn. 244 t )

In Christoff Röseners Gedicht finden sich noch viele weitere interessane Aspekte.



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