Zivilies und militärisches Fechten/Kämpfen Vom Militär lernen?



Der Begriff „Fechten“ ist bis in das 19. Jahrhundert mit „Kämpfen“ gleichzusetzen. In jeder Gesellschaft gab und gibt es Menschen, die sich beruflich mit dem Kampf und seinem Umfeld auseinandersetzen mussten oder müssen. Dabei kommt es stets auf die gesellschaftlichen Strukturen an, wem und für welche Situationen die Gewaltausübung von Rechtswegen gestattet wird. Nehmen wir etwa die mittelalterlichen Städte, die sowohl fest angestellte Soldaten unterhielten als auch zusätzlich jedem Bürger den Besitz von Waffen sowie die Inübungahltung vorschrieben, indem dies in den Statuten festgehalten wurde. Stadtbürger waren demnach zugleich "Wehrpflichtige" Söldner, die im Ernstfall die Verteidigung der Stadt unterstützen mussten. Sie waren in ihren Waffen geschult und im mittelalterlichen Italien für ihre Waffenkünste bekannt. Mit dem zunehmenden Ausbau fester Staatlichkeiten seit dem 16. Jahrhundert wurden das Waffenrecht und die Verfügungsgewalt über Krieger immer weiter an den Staat gebunden, bis hin zu dessen heutigem Gewaltmonopol. Waren im Mittelalter die Grenzen zwischen zivilem und militärischen Waffengebrauch noch verschwommen und griffen beide Themengebiete ineinander, wie sich auch anhand der Kampfbücher sehr einfach feststellen lässt, so trennten sich ziviler und militärischer Waffengebrauch zunehmend bis zum heutigen Höhenpunkt dieser Trennung.

Eines zeigt sich jedoch über die Jahrhunderte ganz deutlich. Immer gab es einerseits zivile Duell- und/oder Selbstverteidigungswaffen und andererseits Kriegswaffen. Und immer schaute man auch zum Militär, wenn es darum ging kampferfahrene und geübte Fechter/Kämpfer als Lehrmeister zu gewinnen. Auch Ausbildungsmethoden wurden stets aus dem militärischen übernommen, sodass sich die körperliche Grundlagenausbildung im Zivilen kaum von der militärischen unterschied. Ausbildungsintensität und Erfahrung jedoch konnten im zivilen Bereich kaum auf gleichem Niveau erreicht werden. Bereits Joachim Meyer verweist intensiv auf die taktische, strategische, körperlich und psychologische Verbindung zwischen Fechtkunst und militärischen Führungs- und Fachkompetenzen. Daher war auch das Fechten stets Bestandteil der europäischen Offiziersausbildungen. Denn es fördert bestimmte charakterliche Eigenschaften und fachliche Kompetenzen zum Beispiel im Bereich der Entscheidungsfindungsprozesse.

Im 20. Jahrhundert begann zunehmend ein Zerfall bzw. eine Abkehr vom Fechten als solche Methode, da sich durch andere, zeitsparende Formen der Übung ähnliche Erfolge im Bereich der Kompetenzen- und Charakterbildung erzielen ließen und lassen. Es kam in Deutschland zu einer Trennung der jahrhundertelangen engen Verbindung von Fechtkunst und Militär. Während sich das Militär weiterhin dem ernsten Kampf widmen musste und sich in Übung hielt, wurde das Fechten immer mehr zum Sport, der sich kaum dem „Militärfechten“ widmete, sondern vielmehr die zivilen Fechtformen zum Sport weiterentwickelte. Man knüpfte an Entwicklungen in der Fechtkunst an, die sich bereits im 19. Jahrhundert zeigten. Als Beispiel sei hier nur die unterschiedliche Greifhaltung von Militärwaffen und Zivil-/Sportwaffen aufgezeigt. Im zivilen Bereich wurden leichte Waffen genutzt, deren Kräfte nicht annähernd an die Kräfte schwerer militärischer Klingen reichten, weshalb sich oft ein Auflegen des Daumens auf den Rücken des Griffes beim Hauen durchsetzte. Beim Militär hingegen wusste man aus Kampferfahrungen, dass beim Versetzen eines schweren Haus der aufgelegte Daumen so stark in Mitleidenschaft gezogen werden konnte, dass dies zur Niederlage im Kampf führen konnte. Dabei möchte ich auf meinen letzten Artikel zu Thema „Greifen“ verweisen, der diese Thematik aufgreift. Gute Fechtlehrer des 19. Jahrhunderts hatten jedoch sowohl sportliche, als auch militärische Fechterfahrung und konnten beide Griffhaltungen verstehen und zielgerichtet vermitteln. So war es bereits bei den Fechtmeistern des Mittelalters, die ihre Fechtkünste auch zu verschiedenen Zwecken(zivil und militärisch) anpassten und eine Anstellung am "Hofe" als höchstes ziel erachteten, was dem späteren Staat gleicht. Im 20. Jahrhundert jedoch ging das militärische Wissen der Fechtkunst sowohl im praktisch und methodischen, als auch didaktischen und theroretischen verloren. Zum Beispiel wollen heute viele Fechter, die mit schweren Militärsäbeln fechten, den Daumen auf dem Griffrücken halten, da das Wissen um die unterschiedlichen Griffweisen zu verschiedenen Zielstellungen und den Unterschied zwischen zivilen und militärischen Waffen und Fechtweisen kaum noch vorhanden ist. Mit sinkender militärischer Bedeutung und geringerer Erfahrung im Kampf mit dem Säbel wird so aufgrund fehlender Erfahrung zu Beginn des 20. Jahrunderts auch im militärischen Bereich teilweise die "falsche" zivile Griffvariante des leichten Säbels für den schwereren militärischen Säbel verwendet.

Im Bereich der Ausbildungslehre waren sich Militär und Zivil lange Zeit sehr ähnlich und die Methoden des jeweils anderen bekannt, sodass gute Synergien gefunden werden konnten. Es gab immer einen Austausch zwischen den kulturellen Gruppen Militär und Zivil. Heute ist dieser Austausch leider sehr gering. Militärische Ausbildungsmethoden werden in Deutschland oft belächelt, ohne sich damit auseinandergesetzt zu haben, wenngleich die militärischen Ausbilder intensive und wertvolle Erfahrungen und Ausbildungen durchlaufen haben. Ich denke, das das Defizit hier in einer Reihe von Vorurteilen besteht, die sich nur durch einen intensiven Austausch überwinden lassen.

Warum also nicht heute wieder vom Militär lernen? Während wir die Fechthandschriften und oder die Techniken zunehmend sehr deutlich in zivile und militärische, in sportliche und ernste trennen können, so fehlt heute gerade die Erfahrung in den Bereichen der Methodik und der Didaktik, sowie der Entwicklung entsprechender Kompetenzen z.B. im Bereich der Entscheidungsfindung im Kampf (Lageanalyse- und Beurteilung ), die sich aus dem militärischen Bereich generieren ließen. Darüber hinaus sehe ich im Bereich der Gefechtspsychologie großes Potential. Auch wenn man sich den alten Ernstkampf-Techniken, der Grundlagenausbildung und strukturierten Ausbildungsmethoden widmen möchte, ist es Gold wert, auf das Wissen und die Erfahrung aus dem militärischen Bereich zurückzugreifen. Militärische Ausbilder werden zu großen Teilen in eben jenen Feldern intensiv geschult.

Ich sehe hier eine große Möglichkeit in den oben genannten Bereichen Ausbildung und Übung zu verbessern. Daher möchte ich in meinen kommenden Seminaren noch mehr aus meiner Erfahrung beitragen und zum Austausch aufrufen. Vielleicht können hier neue Synergien geschaffen werden. Gerade im Bereich der Lehreraus- und Fortbildung sehe ich große Möglichkeiten. Als Beispiel sei hier nur die Ausbildungsmethode des Drills genannt, die von vielen nicht effektiv genutzt, falsch angewandt oder nicht richtig in die Ausbildung integriert wird, da es an Erfahrung im Umgang mit dieser Methode fehlt, die jedoch im Militär seit Jahrhunderten zum Alltag gehört.

Darüber hinaus gibt es viele weitere Inhalte im Bereich der Entscheidungsfindungsprozesse, die man erkunden kann und beim Militär vielleicht gar nicht vermutet hätte, die aber gerade im Bereich des Sparrings von Nutzen sind. Es geht also darum zwei Bereiche wieder zusammenzuführen, die über Jahrhunderte zusammengehört haben und getrennt wurden.

Wenn ich euer Interesse geweckt habe, dann hoffe ich ihr schreibt mir eure Fragen und Anregungen.

In meinem Seminarangebot findet ihr bereits das Seminar Entscheidungsfindung, das ich bei Bedarf sehr gern anbiete.

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