Was Schreiben und Fechten verbindet.


Eine gute Ausbildung muss mindestens mittelfristig geplant und Inhalte, Methoden, Lernziele und Erfolgskontrollen passend aufeinander abgestimmt sein. Am Beispiel meiner Grundlagenausbildung kann ich den Sachverhalt vielleicht aufzeigen. Über die letzten Jahre habe ich verschiedene Drills zusammengestellt, sodass ich zu jedem Hau mindestens 30 mögliche Solo-Drills habe. Für alle Häue ergibt das mindestens 480 Drillübungen. Da sich die meisten Schüler nun sicher nicht hauptberuflich, wie etwa beim Militär, mit dem Thema Kampf auseinandersetzen können, klingt diese Zahl natürlich erstmal utopisch.

Mit einer guten Ausbildungsplanung ist es jedoch möglich, die wichtigsten Kernelemente zu lehren und mit ausgewählten Methoden so zu vermitteln, das der Schüler in der Lage ist die Varianten logisch miteinander zu verknüpfen und im Selbststudium zu Hause regelmäßig zu trainieren, anstatt alle im Unterricht einzeln durchgehen zu müssen. Trotzdem ist es wichtig den Schülern das System mit Anzahl und Struktur dieser Übungen aufzuzeigen, damit sie einen "Roten Faden" haben, der es ihnen ermöglicht sich stets wieder zu orientieren. Bereits die alten Meister wussten um diese didaktischen und methodischen Feinheiten, wie uns die Lehrstruktur des ältesten Lehrbuches zur deutschen Fechtkunst lehrt. Joachim Meyer war der erste deutschsprachige Meister, der ein strukturiertes Lehrwerk geschaffen hat, das sich an den Schüler und nicht an den bereits ausgebildeten Fechter richtet. Wenngleich bereits sein älteres handschriftliches Werk von etwa 1560 aus der Universitätsbibliothek Lund (Gym, Meyer [msc. A.4:0 2]) bereits dieses Ziel erkennen lässt, so ist es doch sein gedrucktes Werk " Gründtliche Beschreibung der Kunst des Fechtens" mit dem er didaktisch und methodisch ein Alleinstellungsmerkmal erlangt. Wir sehen bereits die Unterscheidung in theoretische und praktische Lernziele sowie eine didaktische Struktur vom Einfachen zum Schweren und vom Bekannten zum Unbekannten. Bei ihm wird auch erst die Bedeutung des Wortes "Stück" deutlich. Dazu möchte ich ein Zitat von ihm bringen: "Weil die bisher erklärten Stücke eigentlich nichts anderes sind als eine Grundlage, aus der alle Fechtstücke des Schwertes entnommen werden können, ist es nötig, ehe ich etliche Stücke daraus ziehe, zunächst zu erklären, auf welche Weise dies geschehen soll. So wie du, wenn du ein Wort richtig schreiben willst, alle Buchstaben und deren Eigenschaften wohl im Gedächtnis haben musst, damit dir die dazu gehörenden Buchstaben ordentlich nacheinander aus der Feder fließen, so sollst du dir die bisher erklärten Stücke wohl merken, damit sie dir wieder einfallen, wenn du mit jemanden beginnst." [1]

Was Meyer bis Dato in seinem Werk dargestellt hatte, waren unzählige theoretische und praktische Grundlagenübungen, zu denen noch jene des Dussacks gezählt werden müssen, da diese für ihn überhaupt die Grundlage des Fechtens sind, ebenso wie etwa in der "GNM HS 3227a" das Messer. Dabei benennt er die Hauptstücke 1.Häue & Stiche und 2. die Versetzen. Diese wiederum unterteilt er in weitere "Stücke". Die Handarbeiten wie Winden, Duplieren etc.. nannte er ebenso "Stücke", wie er danach auch ganze beispielhafte Kampfabläufe als "das gantze stuck" bezeichnet. Vergleichen wir dies nun mit Sprache, dann ist ein Stück zum einen eine grundlegende technische Komponente wie ein Buchstabe im Wort. Aber ebenso kann auch ein fertiges Wort, also ein einzelnes Gefecht mit "Anfang, Mittel und Ende" ein Stück sein. Der gesamte Kampf wäre dann ein Satz, der sich aus Buchstaben und Worten ergibt. Es bringt demnach rein gar nichts zuerst die Worte oder gar Sätze zu übern, bevor man nicht alle Buchstaben korrekt schreiben kann.


Aber auch beim Schreiben lernen, wird nicht jedes Wort gelehrt. Vielmehr ist es die höchste Aufgabe einer Ausbildung dem Schüler alle Buchstaben beizubringen und ihm dann durch systematische Unterrichte zu zeigen, wie er Worte schreiben kann. Sobald er bestimmte Worte kann, wird man ihm auch erste Sätze erklären können. Bzw. wird er das bereits von alleine tun. Allerdings nur Sätze, in denen die bekannten Worte vorkommen. Meyer hat mit Schrift und Sprache eigentlich schon damals das beste Beispiel zum Verstehen seiner Fechtdidaktik und Methodik geliefert. Um richtig Schreiben und Lesen zu können brauchen wir Menschen Jahre. Und wir müssen es ständig üben und machen, damit wir die Lernzielstufen die wir erreicht haben, beibehalten können. Wir können nicht alle Worte einzeln üben. Aber wenn wir ein gewisses Verständnis entwickelt haben, dann können wir sie uns erschließen und je nach Notwendigkeit zusammenfügen. Wie schnell man Schreiben verlernt, wissen mindestens die unter euch, die viel digital schreiben und dann nach Jahren mal wieder einen Kugelschreiber oder Füller zur Hand nehmen. Die Schrift hat sich sicher stark verschlechtert! Und schon hier ist es wieder wie beim Fechtern. Wer nicht regelmäßig die Grundlagen übt, der wird sich verschlechtern. Zusätzlich macht es eben einen großen Unterschied, ob ich mit einem Kugelschreiber, einem Füller oder einem anderen Stift schreiben will. Die Buchstaben, Worte und Sätze sollen am Ende gleich aussehen. Aber die Werkzeuge bedürfen einer geringfügig unterschiedlichen Handhabung. Wenn also nun eine Ausbildung nicht gezielt das Alphabet vermittelt, dann werden Worte und Sätze Fehlerhaft und unverständlich sein. Kehren wir nun zum Fechten zurück, dann zeigt uns nach der "GNM HS 3227a" erst Joachim Meyer auf, welches alle Buchstaben im Alphabet sind, während die älteren Werke sich an jene richten, die bereits gut schreiben/fechten können. Diese lernen nun weitere Worte und Sätze kennen, wie etwa in einer Fachsprache. Wobei sie zusätzlich an einige bereits bekannte Inhalte erinnert werden. Um die Stücke der Lichtenauerlehre "schreiben" zu können, bedarf es demnach einer gezielten jahrelangen Grundlagenausbildung in den Stücken 1. Hauen & Stechen sowie 2. Versetzen und 3. Handarbeit. Zwangsläufig werden sich daraus schon einige "Sätze" oder "Stücke" ergeben. Aber lyrische Meisterwerke, wissenschaftliche Facharbeiten etc. und damit vergleichend die speziellen Fechtstücke der jeweiligen Traditionen der Fechtkunst bedürfen einer jahrelangen Grundlagenausbildung. Um sich an Stücke heran zu wagen (also Sätze schreiben zu wollen), sagt Meyer ganz klar: „[...]Derhalbe ist das mein Rath / wann du den stilum diser kunst treffen wilt / das du zu forderst wie nun offt gemelt / erstlich die häuw oder stich für sich selbst / recht und wohl mit ausgestreckten Armen / auch mit zuthunung des gantzen leibs treffen / gewaltig von dir hauwen lernest / des findest ein nützliche form solche häuw anfang zuleren im Dusacken / durch vier Regel 7 im dritten Capitel fürgeschrieben / wann du nun dieselbigen recht und wol wie gesagt / kanst hauwen / so lerne als dann zum anderen / dieselbigen in vollem flug oder lauff / wider künstlichen abzucken 7 und verfliegen zulassen / damit du einen jeden hauw / wann er eben jetz antreffn soll (und aber gewahr wurdest / das er in disem Ort unfruchtbar sein wurd) noch in dem selbigen flug / ehe ers recht gewahr wirdt / anderst wo hin verwenden könntest / Wann nun soclhes geschehen / so bist du erst abgericht und tüchtig gemacht / auff den platz zu thretten / und anfangen solche häuw in der Practick / auch gegen deinem widerfechter ins werck richten zu lernen [...]“ [2]

Ich möchte damit letztlich sagen, dass es mathematisch gesehen tausende von Grundlagenübungen- und Techniken gibt, die es jahrelang zu erlernen und zu trainieren gilt. Man aber nicht jedes mögliche Wort bzw. jede mögliche technische Varainte einzeln in der Schule trainieren muss. Die Aufagbe des Lehrers ist jedoch gewaltig, wenn er einen Weg finden will, durch den seine Schüler in der Lage sind alle Worte zu schreiben und die alle Sätze zu bilden, die sie brauchen werden.

Und letztlich möchte ich meinen Schülern, Privatschülern und Seminarteilnehmern die Angst vor Aufgaben nehmen, die am Anfang nicht zu bewältigen scheinen.

Kleiner Beispiel-Grundlagen-Drill

[1] Alexander Kiermayer, Joachim Meyers Kunst des Fechtens : gründtliche Beschreibung des Fechtens, Straßburg 1570 / Übers. von Alexander Kiermayer, Salzhemmendorf : Arts of Mars Books, 2012, S. 72f.

[2] Wolfgang Landwehr, Joachim Meyer 1600: Transkription des Fechtbuchs 'Gründtliche Beschreibung der freyen Ritterlichen und Adelichen kunst des Fechtens, Herne 2011, S. 40f.


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