Das richtige Schwert finden? Einige Faktoren



Als ich vor vielen Jahren begann mich mit Kampfkunst und Klingenwaffen zu beschäftigen, war die Auswahl an passenden Trainingswaffen noch recht gering. Heute, viele Jahre später ist der Markt so stark angewachsen und das Angebot so groß, das sich selbst fortgeschrittene Fechter fragen, woran sie einen guten Schwertsimulator erkennen. Wenn mich meine Schüler fragen, was ich empfehle, dann fällt es mir allerdings auch bei dem riesigen Angebot schwer, einen Simulator zu finden, der im Training die Eigenschaften eines kampftauglichen Schwertes annähernd erfüllt.

Doch bereits bei diesen Eigenschaften ist es wie bei der Person, welche die Waffe führen will. Der Mensch ist keine in DIN-Formate gepresste Einheitsware. Und auch die Kampfkunst lässt sich nur schwerlich in solche Formen pressen. Nach welchen Kriterien sollte ich also meinen Stahlsimulator aussuchen?

Zuerst ist natürlich die Frage, was ich genau lernen möchte. Es gibt inzwischen viele verschiedenen Stile und Waffengattungen. Als Beispiel soll im folgenden Text das "Lange Schwert" dienen. Nun muss man schauen, welcher Kampfkunst oder gar welcher Kampfsportart man sich widmet und welche Zielstellung dabei verfolgt wird. Nehmen wir als Beispiel das Lange Schwert der Liechtenauertradition. Es handelt sich um ein Kampfsystem, das ursprünglich für den Ernstkampf in verschiedenen Formen gedacht war. Sowohl der militärische, als auch der zivile Gebrauch werden etwa in der Handschrift Codex Hs. 3227a des Germanischen Nationalmuseums umschrieben. So handelt es sich nicht nur um den Zweikampf in verschiedenen Formen (Bsp. Duell oder gerichtlicher Zweikampf), sondern auch um Selbstverteidigung bei Angriffen jeglicher Art im täglichen Leben. Dabei muss auch von mehreren Gegnern ausgegangen werden, wie es etwa in dem Kapitel zu den Gefechten der "anderen Meister" der Hs. 3227a beschrieben wird. Eine Waffe aber kann ein Allrounder sein oder aber auch eine spezifische Aufgabe erfüllen. So kann sie explizit für ein Duell, die Selbstverteidigung, das militärische Gefecht oder auch zu Schimpf(Kampfspiel) entwickelt sein. Für jede der genannten Einsatzarten kann sie unterschiedliche Eigenschaften haben. So kann eine Duellwaffe durchaus so lang sein, das sie im alltäglichen Umgang ungebräuchlich ist, weil man sie nur schwerlich aus der Schwertscheide ziehen kann und sie die Bewegung im urbanen Gelände behindert. Ebenso kann eine Duellwaffe auch sehr leicht und ohne Kopflast sein, da sich das Duell in nur wenigen Bewegungen entscheiden kann. Eine Kriegswaffe hingegen oder eine Waffe zur Selbstverteidigung müssen handlich sein, schnell gezogen werden können und müssen durch ihre Kopflastigkeit die Waffe selbst schwingen/ fliegen lassen, sodass sie mit wenigen Impulsen geleitet werden kann, um schnelle, flüssige und kräftige Bewegungen auch gegen mehrere Gegner zu ermöglichen. Die Waffe sollte also viel kürzer sein, damit sie sich schneller bewegen kann, schnell und einfach aus der Schwertscheide gezogen und notfalls auch mit einer Hand geführt werden kann. Nach den Beschreibungen der Hs. 3227a wurde letzterer Waffentypus präferiert. Der Vorteil eines solchen Schwertes ist zusätzlich, dass es auch im Duell eingesetzt werden kann, während dies umgekehrt mit der Duellwaffe für den Kampf oder die Selbstverteidigung nur schwerlich möglich wäre. Es ist auch nicht die Gesamtlänge, die den Unterschied macht sondern das Verhältnis zwischen Länge der Klinge und des Gehilzes zu der eigenen Körpergröße. Schließlich ziehe ich die Klinge aus der Schwertscheide. Ist die Klinge zu lange, bekomme ich sie nicht schnell aus der Schwertscheide. Der Griff kann hingegen durchaus lang sein und die Klingeneigenschaften mit dem Knauf ausgeglichen werden. Aber ist eine Klinge für einen Kämpfer zu lang, dann ist er in einem auf Ernstkampf ausgerichteten System waffentechnisch im Nachteil. Ein Schwert von 130 cm bei 110cm Klingenlänge ist in diesem Beispiel für mich persönlich mit ca. 180 cm Körpergröße viel zu groß. Doch woran kann ich erkennen, dass ein Schwert zu lang ist? 1. Du kannst keinen idealen Unterhau mit dem Ziehen der Klinge aus der Schwertscheide durchführen (Weil die Klinge zu lang ist und zu spät aus der Scheide kommt, weil die Klinge dann Kontakt mit dem Boden hat) 2. Wenn du einen ganzen, geraden Oberhau (Scheitelhau) mit gestreckten Armen durch die Aufrechte Linie bis in den Alber oder weiter schlägst, kommt es zu einem Bodenkontakt der Klinge.

3. Eine Partnerübung: Wenn dein Partner seine klinge im Langort hält, gehe in die enge Mensur und umklammere und fixiere seine Arme mit deinem schwachen Arm in deine Achselhöhle. Wenn du in dieser Position Probleme hast schnell und effizient zu einem Stich auszuholen, dann ist dein Schwert zu lang! (weil dein Ort selbst mit Ausholbewegung schon am Gegner ist oder gar an ihm vorbei)

Diese Tests beziehen sich jedoch nur auf die Länge der Klinge. Doch auch das Gehilz sollte nicht zu lang sein. Viele flüssige Bewegungen in einem Ernstkampf haben Bewegungen des Gehilzes um den Kopf. Wenn du etwa mehrere Oberhäue hintereinander schlägst und für jeden Hau im dein Kopf ausholst, kann es sein, das Teile deines Gehilzes im Weg sind und du dich selbst verletzt. Daher mache diese Übung langsam! Weiterhin solltest du versuchen bei Oberhäuen die Hände möglichst eng beieinander zu haben. Wenn du dann bei den Hieben feststellst, das die dein Gehilz den Griff erschwert oder gar unmöglich macht, dann ist dein Gehilz vielleicht zu lang.

Nun kommen wir zur Kopflastigkeit der Waffen. Viele Waffen in den Shops sind nicht kopflastig genug. Dadurch lassen sie sich natürlich erstmal sehr angenehm und sich halten. Doch sobald ich einen kräftigen Hieb machen möchte, muss ich durchgängig viel Kraft aufwenden, um die Klinge zu beschleunigen und auf der Bahn zu halten. Zusätzlich ist die Kraft, die am Zielobjekt wirkt vergleichbar gering. In einem Punktsystem, wie etwa auf Turnieren mag das vorerst kein Problem darstellen. Ebenso wenig in einem kurzweiligen Duell. Wenn ich aber mehrere flüssige Bewegungen oder Folgenmachen muss, dann kann ich die notwendige Entspannung für weitere Bewegungen nicht mehr sicherstellen. Bei einer angepassten Kopflastigkeit benötige ich einen entsprechenden Impuls und das Schwert macht seine Bahne von selbst. Mit der entsprechenden Übung, kann ich mich über lange Zeiten flüssig und in den Techniken flexibel bewegen. Zusätzlich habe ich im Zielobjekt eine größere Krafteinwirkung, wodurch der Schaden oder zumindest die Ausweichbewegungen, das Engagement und/oder auch die zum Versetzen notwendige Kraft des Gegners vergrößert werden. In einem Ernstkampf/Selbstverteidigung/militärischem Gefecht muss ich den Gegner mit zielgerichteter Kraft und so schnell als nur irgend möglich bezwingen. Es gibt allerdings kaum Schwerter, die eine den Originalen angepasste Kopflastigkeit und das entsprechende Gewicht mit der passenden Masseverteilung aufweisen. Ich persönlich hänge da immer noch on meinem Albion "Lichtenauer" ;-).

Allein diese wenigen Punkte zeigen, dass es in den aktuellen Produktlinien meist nicht DAS passende Schwert gibt. Für manche Körpergrößen und Kräfteverhältnisse gibt es fast gar keine annähernd passenden Stahlsimulatoren auf dem Markt. (Über Fechtfedern möchte an dieser Stelle nicht sprechen. Ich werde demnächst einen Artikel über Funktionsweise und Aufgabe von Fechtfedern veröffentlichen. Über spezielle Simulatoren aus anderen Materialien werde ich in den kommenden Wochen schreiben. ) Zu all diesen Faktoren gesellen sich dann noch weitere, die sich vom Kampfstil, der Körperkraft und dem kämpferischen Können herleiten. Es gilt letztlich Vorteile zu verstärken und Nachteile zu verringern. Dies haben bereits unsere Vorfahren bei ihrem Waffendesign bedacht. Daher beziehen sich all meine Aussagen um die Waffe und die Waffenphysik auf Vergleiche mit den Daten historischer Waffen. Will man eine historische Kampfkunst lernen, dann muss man sich natürlich auch an die jeweiligen historischen Waffen halten und ihre physikalischen Eigenschaften in das oben genannte mit einfügen und ergänzen. Doch der Schwertphysik selbst möchte ich einen eigenen Artikel widmen.

Die meisten Produktionslinien sind aktuell natürlich auf die Nachfrage angepasst. Der Markt produziert, was viel gekauft wird. Doch warum kaufen sich teilweise Fechter mit 165 cm Körpergröße Simulatoren von 125-130 cm Länge? Oder warum müssen sie diese vielleicht auch kaufen? Ich für meinen Teil habe trotz intensiver Suche und Vergleichen noch keinen Simulator für mich persönlich gefunden, der alle Punkte in sich vereint. Mein gutes altes Albion kommt da noch am besten weg. Für einige Fechter gibt es auf dem Markt etwas Passendes zu ihren individuellen Bedürfnissen. Doch vielleicht wird es da Zeit für neue Wege im Design von Stahlsimulatoren. Mein Tipp ist daher stets, wenn man einen guten Stahlsimulator haben möchte, sollte man zu einem erfahrenen Schmied gehen und sich eine individuelle Waffe/Simulator auf die speziellen Bedürfnisse anfertigen lassen. Dieser Weg ist oft kostspielig und langatmig. Aber sobald man für sich entschieden hat, dass diese Kampfkunst das richtige für einen ist und man sich darauf einstellen möchte, lohnt sich eine solche Investition dann auch.

Hier noch ein kurzer Fragenkatalog

1. Wozu soll der Simulator dienen?

- Unterricht nach Techniken zum Ernstkampf (Duelle oder allgemein) - Sportwettkampf

2. Sind die physikalischen Eigenschaften des Simulators an den Zweck angepasst?

- Kopflastigkeit

- Stichlastigkeit

3. Ist die Klinge in ihren Maßen an den Zweck und meine individuellen Bedürfnisse und Eigenschaften angepasst?

- Kann ich die Klinge z.B. aus der Schwertscheide ziehen?

- Behindert mich die Klinge in meinen Alltagsgeschäften?

- Behindert mich die Klinge bei Kampfbewegungen?

4. Sind das Gewicht und die Massenverteilung der Klinge an meine Kraft und den Fechtstil angepasst?

- Um die Eigenschaften einer Klinge zu ermitteln, gibt es verschiedene Möglichkeiten(Bsp.: Aufsatz von Robert Geißler, Artikel von Peter Johnson im Solinger Ausstellungskatalog "Das Schwert-Gestalt & Gedanke")

- wichtig ist es hierbei die verschiedenen physikalischen Messpunkte an das jeweilige Kampfsystem nach den historisch originalen Waffen anzupassen (Bsp.: es gibt kaum Lange Schwerter, deren Schwerpunkt nahe beim Gehilz liegt. Viele historische Fechter wollen aber eben genau dieses)

(Fragenkatalog wird fortlaufend ergänzt werden)


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